Der letzte Mensch

Anderthalb Jahrhunderte dauerte es. Doch nun ist er da, ist er perfektioniert, ist er vollkommen, der letzte Mensch. Von allen Gestalten dieser Erde ist er die verächtlichste, denn er kann sich selbst nicht mehr verachten. Niemand ist verachtenswerter als jener, der sich selbst nicht verachten kann.

Denn er hat jedes Streben nach mehr verloren. Niemand ist verachtenswerter als der letzte Mensch. Und niemand ist hassenswerter als jener, der sich selbst nicht hassen kann. Denn er weiß gar nicht mehr wozu er fähig wäre. So ist niemand hassenswerter als der letzte Mensch.

Zarathustra hatte uns den Übermenschen gelehrt. Doch zu steinig, zu beschwerlich war uns der Weg zum Übermenschen. Wir gingen den gegenteiligen Weg und schufen also das Gegenteil, den letzten Menschen, der weit unter dem Menschen und noch weiter unter dem Tiere steht.

Was ist Tier? Ein Tier ist ein Wesen, das nur nach dem Niedrigen strebt, nach der Befriedigung seiner Triebe.

Was ist Gott? Gott ist die Fähigkeit Neues zu schaffen, Schönes zu schaffen. Ich nenne jeden göttlich, der Neues schafft und jeden Tier, den seine Triebe beherrschen.

Was ist Mensch? Der Mensch ist die Vereinigung von Gott und Tier zugleich. Er ist ein Zwischending. Ein Wesen auf dem Weg vom Tier zum Gott. Und zu Göttern können alle Menschen werden.

Der letzte Mensch aber hat vergessen, was es heißt Gott zu sein. Göttliche Anwandlungen sind ihm zu mühsam, zu anstrengend. Und so kauert er sich gemütlich hin und sucht stets nur das Angenehme, das Einfache.

Der letzte Mensch ist wieder Tier geworden und steht doch tausendmal unter dem Tiere! Denn während jenes nur sein Schicksal erfüllt, hat dieser sich von seinem Schicksal abgewandt. Sein Schicksal aber ist es Übermensch, ist es Gott zu werden.

Seht! Der letzte Mensch ist endlich vollendet, denn nichts Göttliches ist mehr in ihm. Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen, den Überflüssigen, den Millionenmal da seienden. Ich zeige euch das niedrigste von allen Tieren. Den westlichen Menschen, den modernen Menschen. Konsumenten nennt man ihn. Konsument um nicht Schwein zu sagen! Und nun muss ich alle Schweine um Verzeihung bitten!

Und doch wie ein Schwein sitzt der Konsument an seinem Futtertroge und hat keinen Gedanken mehr als zu fressen und sich im Dreck zu suhlen. Ein Held und Retter, wer den Konsumenten endlich von diesem Dasein erlöst und schlachtet! Denn als Nahrung für andere erhält das Leben des Konsumenten zumindest nachträglich einen Sinn!

Wie eine Fliege folgt der Konsument, den funkelnden Lichtern der Kaufhäuser. Hypnotisiert und geblendet von seiner eigenen Gier, vergisst er wer er ist, und wer er sein könnte.

Seht der letzte Mensch bevölkert den gesamten Westen. Und zurecht droht ihm heute die Ausrottung! Er pflanzt sich nicht mehr fort, denn zu beschwerlich ist ihm die Fortpflanzung geworden. Er glaubt an keine Götter mehr, denn Götter verlangen Opfer und Entsagung. Der letzte Mensch aber will sich den Spaß nicht verderben. Den Spaß ist sein Lebensziel.

Der letzte Mensch will nicht mehr, er begehrt nur. Er schafft nicht mehr, er kauft. Er arbeitet noch, um mehr kaufen zu können, doch steckt hinter dieser Arbeit kein Wille, sondern nur noch Unlust.

Der letzte Mensch bevölkert die Erde und doch wird er von der Erde verschwinden. Denn selbst das Leben ist ihm zu anstrengend geworden. Andere, stärkere Völker leben noch, und verdrängen ihn. Sie besetzen die Räume, die er ihnen überlässt. Sie besiedeln sein Land, doch er wehrt sich nicht mehr dagegen. Verteidigung und Kampf? Das kennt er nur noch aus Filmen. Zu beschwerlich ist ihm das in der wirklichen Welt.

Was man Westen nennt, das ist heute die Heimat des letzten Menschen. Und ja fast wünscht man sich, dass das Abendland endlich unterginge und verschwände, damit der letzte Mensch für lange Zeit wieder gebannt wäre.

Seht ihr Menschen des Westens, ihr letzten Menschen! Als ihr noch Menschen wahrt, da lehrte euch Zarathustra den Übermenschen. Doch von diesem will ich euch heute nichts erzählen. Denn ihr seid keine Menschen und es wäre klüger Affen den Übermenschen zu predigen als euch. Ich will euch den Menschen lehren! Und Menschen müsst ihr wieder werden, so ihr denn auf dieser Welt überleben wollt. Also schaltet den Fernseher aus, hört auf dem Funkeln der Kaufhäuser nachzujagen und werdet wieder Mensch. Zarathustra wollte aus Menschen Übermenschen machen. Ich aber will in Konsumenten wieder den Menschen erwecken.

Seht! Ich zeige euch den verächtlichsten Menschen. Ich zeige euch den letzten Menschen. Ich zeige euch euch selbst. Auf dass ihr euch selbst verachten möget, und so den letzten Menschen überwindet.

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